• kerstinjaud

Alles im grünen Bereich?

Das Window of tolerance, oder auch Toleranzfenster



Beim Window of tolerance handelt es sich um ein Modell, welches den Erregungszustand des Nervensystems erklärt.


Es teilt sich in die Bereiche grün, rot und blau auf. Im besten Falle befinden wir uns stets im grünen Bereich. Ein gut funktionierendes Nervensystem schafft es, nach einem kurzen Ausflug in den roten oder blauen Bereich gut, sich wieder im grünen Bereich einzupendeln. Das sympathische und das parasympathische Nervensystem sind Gegenspieler und arbeiten harmonisch Hand in Hand miteinander.



Befindet sich das Nervensystem im grünen Bereich, so kann der Mensch sich gut den Situationen und Herausforderungen des Alltags anpassen. Er ist ruhig, kann bewusste Entscheidungen treffen und das Gehirn ist lernfähig. Verdauung und Regeneration funktionieren. Der Mensch befindet sich im Modus: „Ich kann.“


Im roten Bereich befindet sich das Nervensystem im Kampf- und Fluchtmodus. Das bedeutet es ist übererregt. Wir sind rastlos, spüren Emotionen wie Angst, Wut oder Ärger. Die Hände werden kalt und schweißig, die Atmung ist verstärkt, der Herzschlag beschleunigt sich, die Muskeln sind angespannt. Für diesen Zustand ist das sympathische Nervensystem verantwortlich. Das erleben wir Menschen garnicht so selten. Unser modernes Leben ist von Stress geprägt. Höher, schneller, weiter. Viele Menschen sind mittlerweile leider häufig dauerhaft in diesem Modus unterwegs. Das hat für den Körper und unser psychisches Wohlbefinden negative Auswirkungen. Dass wir ab und zu in den roten Bereich kommen, ist jedoch ganz normal und auch gesund. Denn evolutionsbedingt ist es sinnvoll, bei Bedrohung fliehen oder kämpfen zu können. Wer mag sich schon vom Tiger fressen lassen.


Den blauen Bereich nennen wir auch Freeze oder Erstarrung. Der Körper geht in die Immobilität. Der Sympathikus ist nach wie vor aktiv. Die Muskeln sind angespannt. Gleichzeitig wird das parasympathische Nervensystem ebenfalls aktiv. Wir stehen quasi auf Gas und Bremse gleichzeitig. In diesem Zustand werden Gefühle abgespalten. Wir fühlen uns antriebslos, depressiv, taub. Auch hier gilt, wer dauerhaft in diesem Zustand verweilt, büßt Lebensqualität ein. Dieser Zustand ist hilfreich, wenn Kampf und Flucht nicht möglich sind. So können wir die Situation besser ertragen. Gehen wir schließlich komplett vom Gas, erschlaffen die Muskeln. Der Körper rutscht in den kompletten Shutdown. Auch das ist rein biologisch sinnvoll. Denn wenn ich schon vom Tiger gefressen werde, dann spüre ich wenigstens nichts davon.


Ist das Nervensystem durch Trauma belastet, so gelingt die harmonische Regulation in den grünen Bereich nicht. Wir bleiben im roten oder blauen Bereich hängen. Oder aber wir wechseln zwischen blau und rot hin und her, schaffen es aber nicht, uns wieder im grünen Bereich einzupendeln. Ursache können sowohl wiederkehrende Traumata sein, die über Jahre hinweg anhalten, oder aber Schocktrauma, das durch ein zu schnell, zu viel, zu heftig ausgelöst wird. So ist es nicht selten, dass das Nervensystem eines Menschen über Jahre hinweg dysreguliert ist.


Die gute Nachricht ist, das Nervensystem kann Regulation wieder erlernen. In diesem Fall braucht es zunächst Hilfe, um sich wieder im grünen Bereich anzusiedeln. Bekommt es diese Hilfe immer wieder, schafft das Nervensystem es schließlich nach und nach ganz alleine, sich harmonisch den Gegebenheiten im Umfeld anzupassen und sich in den grünen Bereich zu regulieren.


Um das zu erlernen, sollte man sich regelmäßig bewusst Zeit nehmen, sein System runterzufahren. Mit dem nötigen Wissen und Bewusstsein kann das jeder Mensch lernen. Dazu gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Ein paar Beispiele sind Achtsamkeitsübungen, Entspannungsübungen, entspannende Musik oder ein Spaziergang in der Natur. Darüberhinaus ist es wichtig, die eigenen Trigger im Leben zu erkennen, die dazu führen, das Nervensystem immer wieder zu destabilisieren. Diese können wir meiden oder lernen, anders damit umzugehen.


Gerade zu Beginn jedoch ist es häufig sinnvoll, sich Hilfe von außen zu holen. Koregulation durch eine andere Person hilft dem eigenen Nervensystem, sich zu stabilisieren und zu erkennen, dass im Außen keine Gefahr droht. Auch da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zwei davon sind die Craniosakraltherapie und das Somatic Experiencing.

Magst du Koregulation am eigenen Körper erfahren? Dann freue ich mich, dich bei mir in der Praxis begrüßen zu dürfen.




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